Offene Flächen mit Gehölzen und Stauden bieten vielen Tieren und Pflanzen Lebensraum.
Wann ist Ihnen zum letzten Mal aufgefallen, dass im Garten Ihrer Siedlung Blumen verblüht sind? Dass das Laub der Bäume sich verfärbt hat? Oder dass neue Sträucher gepflanzt wurden und die Wiese gemäht wurde? Finden Sie, es herrsche Unordnung, weil Laub in den Beeten liegt, die Blumenwiese struppig wirkt und die verdorrten Blütenstauden nicht mehr «schön» aussehen? Oder haben Sie nichts davon wahrgenommen, weil Sie jeweils ganz in Gedanken sind? In den Aussenräumen der Eigengrund-Siedlungen ist die Natur auf dem Vormarsch. Hinschauen lohnt sich!
Vielfalt macht stark
Schon lange ist bekannt, dass eine grosse Vielfalt von primär einheimischen Pflanzen, Tieren und Lebensräumen der Natur hilft, mit starken Veränderungen wie menschlichen Eingriffen und dem Klimawandel zurechtzukommen. Biodiversität ist das Stichwort. Und man weiss auch, dass viele verschiedene einheimische Pflanzen mit ihren Blüten Insekten anlocken. Bienen zum Beispiel, die dann wiederum Nahrungspflanzen bestäuben können. Wissenschaftlich belegt ist auch, dass es Menschen guttut, wenn sie Naturräume um sich haben.
Biodiversität in der Eigengrund
Die Eigengrund will gesundes Wohnen im Einklang mit der Natur fördern – dazu gehören vielfältig gestaltete, artenreiche Aussenräume ihrer Siedlungen. Mit diesen leistet sie einen Beitrag zu Ihrem Wohlbefinden und zur Erhaltung unserer Lebensgrundlagen. Die Eigengrund setzt sich bereits seit über 15 Jahren aktiv für naturnahe Siedlungsräume ein. Begonnen hat dies mit der Sanierung der Siedlung Glanzenberg 2009 und dem Konzept Gartenzimmer, das seitdem in die Baustandards integriert wurde. Auch wurde ein Register über alle Bäume der Siedlungsgenossenschaft erstellt.
Blüten der Gemeinen Wegwarte.
Die Früchte der Wildrose leuchten im Herbst rot.
Der Natur Raum geben
Schon seit Längerem also gibt die Eigengrund bei Sanierungen und Neubauten eine möglichst naturnahe Gestaltung vor. Auch bei bestehenden Siedlungen erfolgen Aufwertungen laufend, wann immer möglich. Doch was verändert die Eigengrund? Alexander Gasser, Teamleiter Umgebung, erzählt: «Statt Rasen haben wir an vielen Orten Blumenwiesen angesät. Dann ersetzen wir exotische Gehölze mit einheimischen, pflanzen Obstbäume, legen Stein- und Asthaufen an und entsiegeln möglichst viele Flächen, das heisst, wir verwenden zum Beispiel Rasengittersteine statt Asphalt oder Steinplatten, damit das Wasser versickern kann. Und wir verwenden nur noch ganz gezielt und in Ausnahmefällen chemischen Pflanzenschutz. » Um die Artenvielfalt zu fördern, werden etwa im Herbst die Stauden nicht zurückgeschnitten, denn in die dürren Stängel legen Schmetterlinge und Insekten Eier und Larven. Um Lebensräume für Kleinstlebewesen zu erhalten, werden die Blumenwiesen nur zweimal jährlich gemäht und ein Teil wird immer stehengelassen. Zwischendurch wird auch mal ein Stück ganz kurz geschnitten und der Boden aufgelockert. Das gibt anderen Pflanzen die Chance, sich anzusiedeln. In verschiedenen Siedlungen wurden sogenannte Ruderalflächen angelegt: offene Bodenstellen mit Kies und Steinen, die ganz bestimmte Pflanzen, aber auch Kleintiere wie Eidechsen anziehen, die zur Vielfalt beitragen.
Wiesen werden gestaffelt gemäht.
Auf unversiegelten Flächen fühlt sich Wiesensalbei wohl.
Steinlinsen an sonnigen Plätzen bieten Amphibien und anderen Tieren Unterschlupf.
Totholz ist Lebensraum. Hier mit Natternkopf und Wolfsmilch, zwei einheimischen Pflanzen.
Es braucht Kompromisse
Der Natur Raum zu geben, ist wichtig, doch auch das Bedürfnis der Bewohnerinnen und Bewohner, die Siedlungsumgebung zu nutzen, darf nicht zu kurz kommen. Daher wird bei jeder Siedlung sorgfältig abgewogen, wo tatsächlich eine Blumenwiese entstehen kann und wo es Rasen zum Spielen braucht, der regelmässig gemäht wird, wo Sitzgelegenheiten oder einen Spielplatz. Ebenso werden, sofern gewünscht und möglich, Pflanz- oder Hochbeete angelegt: Diese bereiten Freude, sind Anlass für Gespräche und können den Bezug zur Natur stärken. Auch wenn die Gestaltung und Pflege der Siedlungsumgebungen grundsätzlich Sache der Eigengrund ist, sind Initiativen von Genossenschafterinnen oder Genossenschaftern willkommen. Wie fruchtbar sie sein können, zeigen die Beispiele Limmatblick und Untere Reppisch.
Gemüsebeete fördern die Verbundenheit mit der Natur.
Pioniere im Limmatblick
Marlies und Peter Voser sind Biologen und Biodiversitäts-Pioniere. Sie leben in der Siedlung Limmatblick. Da diese direkt an der Limmat liegt, war es eine Bedingung für den Bau, dass die Umgebung naturnah sein muss. Peter Voser hat sich von Anfang an mit Herzblut um den Garten gekümmert. «Seit 2012 gibt es hier eine Gartengruppe», sagt er mit hörbarem Stolz. Unter seiner Leitung haben sie Wildpflanzen angesät, Obstbäume gepflanzt, Stein- und Asthaufen angelegt. Heute kommen in der Siedlungsumgebung rund 250 verschiedene einheimische Pflanzenarten vor. Das dürfte Rekord sein bei der Eigengrund. Die Vielfalt hat in den 15 Jahren, seit es die Siedlung gibt, deutlich zugenommen. Dass sich viele Siedlungsbewohnende nicht für den Garten interessieren, nimmt Peter Voser gelassen. Hauptsache, die Natur kann sich entfalten. Und wenn jemand doch fragt, erzählt er gern. In Hochbeeten ziehen die Vosers Mini-Gemüse, was vor allem die Kinder der Siedlung spannend finden. Marlies Voser weist sie jeweils auf einen «Heugümper» hin oder eine Schwalbenschwanzraupe, versucht so, ihren Blick zu schärfen und ihnen ihre Freude an der Natur weiterzugeben.
Tomaten werden ins beschattete Hochbeet gesetzt.
Insektennistwand im Limmatblick.
Naturpädagogik in der Unteren Reppisch
Andreas Wolf, der mit seiner Familie in der kleinen Dietiker Siedlung Untere Reppisch wohnt, ist Umweltnaturwissenschaftler und Naturpädagoge. Klar interessiert er sich für Biodiversität. «Als wir vor zwölf Jahren einzogen, war der Garten bereits artenreich», erzählt er. Ihm ist es ein Anliegen, Menschen an die Natur heranzuführen. Daher führte er einen jährlichen Gartennachmittag mit den Kindern der Siedlung ein. Zuerst wird gemeinsam gejätet und herumliegender Abfall gesammelt, dann werden neue, blütenreiche Stauden gesetzt. Er erklärt ihnen, dass Abfall im Garten gefährlich ist für die Tiere, etwa die Igel und Blindschleichen, die in den Ast-, Laub- und Steinhaufen Verstecke finden. Ein Rätsel rund um die gepflanzten Blumen stärkt den Bezug der Kinder zum Garten. Andreas Wolf mäht die kleine Wiese zwei bis dreimal jährlich gestaffelt mit der Sense – möglichst tierfreundlich. Das Heu dient als Futter für die Meerschweinchen. «Mir ist wichtig, dass der Garten nicht nur eine ökologisch hochwertige Insel ist, sondern auch verbunden mit den umliegenden Gärten», betont er. Deshalb hat er mit seinem Sohn eine kleine Igeltreppe gebaut, dank der die Gartenbewohner nun auch in den Nachbargarten wandern können. Die blühenden Stauden interessieren die Kinder mässig, doch wenn sie den Igel entdecken, ist die Freude gross.
Mit Kindern am Werk im Garten.
Mit wachen Sinnen
Natur ist Leben. Was für uns vielleicht nicht «schön» aussieht, ist für Pflanzen oder Tiere lebenswichtig. Manchmal ist die Vielfalt nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Doch probieren Sie es aus: Schauen Sie sich nach der Lektüre dieses Artikels ab und zu in Ihrem Aussenraum um. Was sehen Sie?
aus: SGE-Kultur, November 2025
Zum Entdecken: Schafgarbe und Oregano in der Siedlung Letzigraben.
Schafgarbe in der Siedlung Obsthalden.
Biodiversität fördern
Möchten Sie etwas für die Biodiversität tun, zum Beispiel auf Ihrem Balkon? Die Website www.aufleben-natur.ch bietet eine Fülle von Anregungen und Wissen.
Auch Peter Voser und Andreas Wolf geben ihr Wissen und ihre Erfahrungen gerne an Interessierte in anderen Siedlungen weiter. Melden Sie sich unter info@eigengrund.ch, dann wird die Geschäftsstelle den Kontakt herstellen.
Obstbäume in der Siedlung Obsthalden...
mit Rainfarn, der sonnige Standorte mag .